...der Weg zur Heimatforschung

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„Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber man muss es vorwärts leben“.
Sören Kierkegaard (dän. Philosoph, (1813-1855).

Der Autor Wolfgang Ettig wohnt und lebt im Taunus. Die Verbundenheit zur Region veranlasste ihn, sich näher mit der regionalen Historie zu beschäftigen. Er ist Mitglied in diversen Geschichtsvereinen und schreibt regelmäßigt Artikel und Kolumnen über regionalgeschichtliche Themen. Aus dieser Arbeit ist die vorliegende „blaue” Reihe Monographien zum Usinger Land entstanden. Sie stellt eine Hommage an vergangene Zeiten dar und versucht (fast) Vergessenes zu bewahren.
Sein Hauptforschungsschwerpunkt ist die Sozialgeschichte im Usinger Land, die Brauchtumskunde [Aufbau einer "Datenbank" alter und neuer regionaler Volksbräuche im Hochtaunus]; zudem die Erforschung der historischen Bedeutung der ehemaligen, im Weiltal gelegenen, Landsteiner Wallfahrtskirche für die Region.

Literatur:
Das runde Leder - Die Anfänge des Fußballsports im Usinger Land. ISBN 978-3-924862-50-3
Kinos, Häuser der Träume - Ein Beitrag zur Kinogeschichte im Usinger Land. ISBN 978-3-924862-47-3
Badespaß im Usinger Land - Vom Brandweiher zum Schwimmbad. ISBN 978-3-924862-46-6
Hinner de Hecke - Dörfliche Uznamen im Hochtaunus. ISBN 978-3-924862-38-1
Vor de Höh' - Örtliche Uznamen im Vordertaunus. ISBN 978-3-924862-42-8

Aufsätze:
Als im Januar 1619 im Usinger Land die Erde bebte - "...dass es zu Usingen und Wierhrimb gar stark gewesen." In: Usinger Anzeiger Nr. 21, S.18, 2019.
Mit Vollgas durch das Usinger Land, die Planung einer Rennstrecke 1908 - "Und wenn eine solche Strecke im Taunus entstünde, würde es seine Majestät besonders freuen." In: Usinger Anzeiger Nr. 272, S, 19, 2018.
"Frisch und fromm den Strumpf gestrickt, das ist Euch, ich sag es frei, die allerbeste Turnerei!" - Eine Retrospektive des Frauenturnens im Usinger Land. In: Jahrbuch Hochtaunuskreis 2019.
"Viele nährten sich mit Hafer" - Die Verteuerung der Getreidepreise 1816/17 und ihre vermeintlichen Ursachen aus damaliger Sicht. In: Jahrbuch Hochtaunuskreis 2018, S. 80-86.
"Bisher war das Ertrinken Mode gewesen, weil das Schwimmen nicht Mode war" - Die Entwicklung öffentlicher Freibäder im Usinger Land. In: Jahrbuch Hochtaunuskreis 2017, S. 131-138.
Die wilde Weil - Die Teilbegradigung des Weilbachs in der Gemarkung Emmershausen im Jahre 1856.
In: Weilroder Hefte für Geschichte, Volks- und Familienkunde, Nr. 19,
Die "Burg Hattstein" als Darstellung auf einer Sorg‘schen Ofenplatten zu Beginn des 17. Jahrhunderts - Gedanken zu einer Hypothese.
Von Gemeinden wie Weilems, Weilnau, Weilspringe und Womberg - Die hessische Gebietsreform aus Treisberger Sicht. In: Treisberger Blatt Nr. 113, S.14-20.
Ostern im Usinger Land – Ein Streifzug durch die historischen Osterbräuche der Region. In: Treisberger Blatt Nr. 112, S. 3-21.
Das Christkind und der Weihnachtsesel – Ein längst vergessener Weihnachtsbrauch im Usinger Land. In: Treisberger Blatt Nr. 111, S.16-23.
Ist "Treisberg" einzigartig? Eine topografische Spurensuche. In: Treisberger Blatt Nr. 109, S. 5-7.
Treisberg und Weiperfelden. Vergleichende Darstellung der Wappen beider Gemeinden nebst Kirchen und Kapellen als Symbole in Siegeln und Wappen der ehemaligen Gemeinden des Usinger Landes. In: Treisberger Blatt Nr. 106, S. 2-9.
Die Treisberger "Pispeler" und ihre Nachbarn. Mundartliche Reflexionen zu den dörflichen Spott- und Uznamen im Hochtaunus. In: Treisberger Blatt Nr. 105, S. 2-7.
"Off‘m Dalles". Sprachhistorische Gedanken über einen regionalen Mundart-Begriff. In: Treisberger Blatt Nr. 104, S. 4-11.
Als "Maulwurffangen" noch Beruf und Berufung war. Historische Betrachtungen über einen vergessenen Broterwerb in Treisberg. In: Treisberger Blatt Nr. 103, S. 3-13.
Treisberger Ansichten - hübscher als die Wirklichkeit. Fotomontagetricks in der vordigitalen Zeit. In: Treisberger Blatt Nr. 102, S. 9-16.

Die Artikel sind unter hppt://www.mein-treisberg.de/heimatverein/treisberger-ortsarchiv/ als PDF abrufbar.


Sind Heimat und Brauchtum noch zeitgemäß?

 Prof. Dr. Karen Joisten (TU Kaiserslautern, Fachbereich Sozialwissenschaften, Fachgebiet Philosophie) vermerkt bewusst provokativ: „Heimat, so gewinnt man […] den Eindruck, hat nur noch für einen Provinzler Bedeutung, der engstirnig und borniert, vielleicht sogar reaktionär und anti-demokratisch am Ewiggestrigen festhält und der in seiner kleingeistigen Haltung nicht mehr in der Lage ist, über den Tellerrand seiner eigenen Grenzen zu blicken." Die Philosophin postuliert in ihrer These, dass der Mensch gewissermaßen zu Heimat 'verurteilt' ist. [1]

 An dieser Stelle sei festgehalten: Heimat steht für Überschaubarkeit und Verstehbarkeit, für einen Platz, wo man sich nicht erst zurechtfinden muss. Ein Begriff, der viele Menschen bewegt, ein Gefühl, ein Denken, ein Handeln oder einfach nur selbstbestimmt Heimat zu leben. Heimat ist bisweilen auch ein Schrei nach Ruhe. Die sich ständig verändernde Gegenwart verlangt zeitweilig danach. Unsere Umwelt ändert sich – rasend schnell. Der Mensch des 21. Jahrhunderts, besonders der jugendliche, büßt seine Beheimatung durch ihm entgleitende greifbare und lokalisierbare Dinge ein: Nicht der Ort, sondern die Zeit wird zunehmend seine neue Heimat. Die Gesellschaft ist jedoch schnelllebig, die Zeit entschwindet ihr. Der Informationsüberfluss trägt sein Übriges dazu bei. Den Mangel an Heimat kann sie daher dem Menschen nicht befriedigend kompensieren. Der Markt der Möglichkeiten ist für den flexiblen Zeitgenossen zwischenzeitlich schier endlos. So werden die Errungenschaft der Technik, die immerwährende Mobilität und die Freiheiten einer liberalen Gesellschaft genutzt, um einer erschreckenden Wahrheit zu entkommen: Der Heimatlosigkeit. Insofern bleibt offen, wie der Mensch sich zukünftig heimatlich orientieren kann und ob es künftig überhaupt noch einen Fixpunkt Heimat gibt, geben kann oder gar geben darf.

 Nicht zu vergessen ist die negative Färbung der Begrifflichkeit „Heimat“. Ein Begriff, von jeher kompliziert, ideologisch aufgeladen und aktuell gerade wieder sehr umstritten. Deutsche Volkstümelei und deutscher Faschismus hatten sich in der Vergangenheit ausgiebig bei der Volkskunde bedient (bei einem Fach, das sich deswegen in der Folge ständig umbenannte, heute heißt es meistenteils „Europäische Ethnologie“). Diesen Symbolismus kann man sich heutzutage wieder zunutze machen. Die AfD hat einen Wahlkampf mit dem Slogan bestritten: „Dein Land. Deine Heimat. Hol sie dir zurück.“ Offenbar hat man damit (in bestimmten Kreisen) sogar eine Stimmung, ein Gefühl getroffen. Folglich gilt es umso mehr, den Aspekt „Heimat“ in seinen Facetten nicht den Rechten zu überlassen.  

Doch wie bewerkstelligen? Wie macht man Heimat konsenstauglich? „Wir lieben dieses Land, das ist unsere Heimat, und diese Heimat spaltet man nicht“, hat Katrin Göring-Eckardt auf dem Bundesparteitag „Bündnis 90/Die Grünen“ 2017 gesagt. Der Wortgebrauch scheint zwischenzeitlich jedoch so sensibel und emotionsgeladen, dass die grüne Parteijugend augenblicklich retournierte, dies sei ein ausgrenzender Begriff. Man solle lieber von Solidarität sprechen. Die SPD sieht in dem Begriff mitschwingenden Patriotismus. Allen Vorbehalten zum trotz, zwischenzeitlich hat Deutschland sogar ein "Bundesheimatministerium". Über dieses Ministerium wurde viel diskutiert. Braucht man so etwas? Unweigerlich stellt sich die Frage: Ist ein solches Heimatministerium nicht furchbar rückwärtsgewandt?
Und sind nicht auch Heimat- und Geschichtsvereine wie aus der Zeit gefallen?

Es muss darum gehen, den Ausdruck und die Vorstellung von Heimat freizuhalten von negativen Besetzungen irgendwelcher Spießer oder ewig Gestrigen, denen der Terminus lediglich als Klischee dient, Vergangenes unreflektiert reanimieren zu wollen. Was bereits Geschichte ist, soll auch Geschichte bleiben. „Früher war – wie uns die Geschichte schmerzlich lehrt – eben nicht alles besser!“ Der Wunsch, an Vergangenem festzuhalten, entspringt einem völlig unhistorischen Denken. Geschichte hat immer auch einen Bezug zur Gegenwart. Und Umgekehrt. Nur mit historisch fundiertem, kritisch aufgearbeitetem Wissen ist die Gegenwart zu verstehen. Geschichte sollte somit nicht als etwas „Altes“, sondern als ein grundlegender Bestandteil unserer Gegenwart verstanden und als solcher integriert werden. Es gilt also, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu vereinen. Selbstvergessene Rückschau allein kann und sollte nicht (mehr) das Anliegen von Geschichtsvereinen, Heimatkundlern oder Brauchtumsforschern sein. Erfreulicherweise sind in den letzten Jahrzehnten vielerorts die Weichen hierzu gestellt worden.
Eine differenzierte Hommage an vergangene Zeiten zeugt von verstandenem Engagement.

[1] Karen Joisten: Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie. Berlin: Akademie 2003, S. 12 u. 33