Unser-Usinger-Land Wolfgang Ettig
Leiweg 22
61389 Schmitten/Ts.
Tel.: 06084 - 95 98 99

Brauch und Brauchtum

Tradition und Volksbrauch im Usinger Land (Konzeption einer Datenbank)

„Brauchtum ist dynamisch und verändert sich kontinuierlich: Manches gerät in Vergessenheit, manches verändert seine Umsetzung, manches kommt neu dazu.“ Angedacht ist, das Wissen über ehemalige und aktuelle volkstümliche Bräuche im Usinger Land zu sammeln und in einer "Brauchtums-Datenbank" zusammenzuführen. Hierzu sollen Erinnerungen, Fotomaterial und Fakten aus allen Teilen der hiesigen Region zusammengetragen werden. Neben der textlichen und bildlichen Registrierung lokaler Bräuche gilt es auch, die historischen Hintergründe ihrer Entstehung zu eruieren.

Eine derartige Aufgabe lässt sich nicht alleine bewältigen, hier ist die Unterstützung der umliegenden Heimat- und Geschichtsvereine – die ihr Ohr ja an der Bevölkerung haben – unumgänglich. Diejenigen, die sich mit historischem Brauchtum beschäftigen, wissen: „Es ist kurz vor zwölf“. Wissen geht allzu rasch verloren! Parallel dazu soll sich bei der angestrebten Untersuchung auch die Tür in Richtung „modernes Brauchtum“ - oder was sich tendenziell dazu in der hiesigen Region entwickelt - aufgestoßen werden.
Es gilt, spannenden Fragen nachzugehen wie zum Beispiel:
- Lässt sich das Halloween-Geschehen, zumindest was das Süßigkeiten-Sammeln der Kinder angeht, zwischenzeitlich schon als junges Brauchtum definieren und sich in die Reihe der "klassischen" Heischebräuche (wie Sternsingen, Laubmännchen etc.) einordnen?
- Lässt sich die, ursprünglich aus der Fränkischen Schweiz stammende, Tradition des österlichen Schmückens von Dorfbrunnen, welche sich seit fast zwanzig Jahren im Usinger Land etabliert hat, bereits als (regionales) Brauchtum deuten?

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Auf dieser Webseite wird die Sammlung zu gegebener Zeit zur Einsicht und auch gerne zur Vervollständigung zur Verfügung stehen.

Das
"Brauchtumsarchiv Usinger Land" ist aktuell im Treisberger Ortsarchiv untergebracht.
Gesammelt werden Hintergrundinformationen zu historischen und modernen Bräuchen und Traditionen. Fotomaterial (historisch/modern) zu Aktionen, erlebtes und niedergeschriebenes Wissen über unsere regionalen Traditionen, aber auch Fotos zu Brauchtumsgegenständen aus dem Usinger Land. Falls Sie derartiges Material besitzen, würden wir uns über eine Kontaktaufnahme freuen. Sie helfen damit Lücken zu schließen und die Sammlung zu erweitern. Gern beantworten wir auch Fragen zum Brauchtum im Usinger Land. Nutzen Sie hierfür das Kontaktformular.

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In der Wiederholung liegt die Kraft

Essay über Brauchtum und Tradition.
Von Wolfgang Ettig

„Brauchtum“, oft als Relikt einer vergangenen Zeit verschmäht, mit dem Beigeschmack von Trachtenverein, Dorf und Musik, die niemand mehr hören möchte. Ein Vorurteil mit einem Quäntchen Wahrheit! Denn wer Bräuche pflegt – im ländlichen wohl mehr als im urbanen Bereich – lebt in einem regionalen Umfeld, in dem das Althergebrachte geschätzt und hochgehalten wird.        
Wiederkehrende Feste, Handlungen oder Rituale, seien sie nun an gesellschaftliche Konventionen, Religionen oder spezielle Ereignisse geknüpft, entwickelten sich im Laufe der Zeit zur festen Gepflogenheit und entfalteten sich zum Brauchtum. Bräuche sind Ausdruck einer Überlieferung und zeichnen einen Kulturraum aus; sie sind gewissermaßen das Spiegelbild der jeweiligen Region und ihrer angestammten Lebensweise. Das Wort „Brauch“ lässt sich aus dem Althochdeutschen bruh ‚Nutzen‘, bzw. dem Mittelhochdeutschen brŇęchen‚ ‚brauchen, gebrauchen, verwenden‘ ableiten. Der Begriff „Tradition“ kommt vom lateinischen Wort traditio und bedeutet das Übergeben, das Weitergeben [der Kultur] von einer Generation auf die nächste. Doch sind derartige Tradierungen aus der Vergangenheit zwischenzeitlich noch zeitgemäß?

Sie wären es nicht, wenn sich innerhalb des Prozesses der Überlieferung keinerlei Transformation feststellen ließe. Traditionen kehren (gefühlt) in einem steten, sich wiederholenden Muster wieder. Dadurch scheint es, als ob der Brauch einer Kontinuität, einer Unveränderlichkeit gleichkommt. Dies trifft aber nur vordergründig zu. Traditionen unterliegen einer Dynamik, sie verändern sich – oft unbemerkt – mit der Zeit. Und gerade diese Umgestaltungen sind nicht zuletzt ein Grund dafür, dass manche Feste und Bräuche derzeit so hoch im Kurs stehen.
Bestimmte Rituale behalten ihren Stellenwert. Exemplarisch sei hier die Kerb erwähnt: Der Kerbejohann, der Kerbebaum, das Kerbelied, sind Relikte aus vergangenen Tagen, die Ausführung indes passt sich an. Die Kerbeburschen, mittlerweile verstärkt durch Kerbemädchen, setzten das Fest zeitgemäß um. Überliefertes wird gepflegt, Neues erfunden; oftmals ein gelungener Mix aus Tradition und Moderne. Ein tragfähiges Element sollte jedoch sein, dass dieser „Mix“ ausgewogen ist und bleibt, erst dann ist ein Brauch wirklich lebendig. Nehmen die Beharrungs-elemente überhand, entsteht gleichsam eine in sich „verharrende Vergangenheit“. Umgekehrt gilt: Nimmt der Wandel überhand, löst sich der Brauch in seiner Ursprünglichkeit auf.
Dieses Dilemma darf bei „Brauchbewahrern“ aber nicht zur Gretchenfrage werden nach dem Axiom: „Wir verteidigen unser Brauchtum und die damit verbundenen Traditionen. Fremdanleihen oder Übernahmen gelten als Abklatsch und Regional nicht dazugehörig“.  

Die oft diskutierte Frage, ob im Usinger Land beispielsweise ein zünftiges Oktoberfest, das Schmücken von Osterbrunnen oder eine gruselige Halloween-Nacht (unser) „Brauchtum“ symbolisiert, mag dahingehend eine Beantwortung finden, dass derartige von außen eingetragene Traditionen zwar keine hiesigen Wurzeln haben, von der Gemeinschaft aber angenommen und weitergetragen werden. Die Brauchtumsfeste, auch unsere althergebrachten, die wir heute feiern, initiieren in der Regel soziale Interaktionen. Man kommt beim Oster-, Sonnenwend- oder Maifeuer zusammen und ins Gespräch; vergnügt sich während der Kerb oder der Fastnacht; Kinderaugen glänzen beim St. Martins- oder Laubmännchen-Umzug. Die Liste ließe sich fortsetzen, alle Ereignisse haben eines gemeinsam, sie haben sich aus Traditionen entwickelt und führen Menschen zusammen.
Dass damit oft genug auch kommerzielle Interessen einhergehen, soll nicht negativ bewertet werden. Feste und traditionelle Zusammenkünfte wollen organisiert werden, in der Regel übernehmen dies die ortsansässigen Vereine. Eine Aufbesserung der Vereinskasse durch Verkauf von Speis‘ und Trank erscheint in dieser Verknüpfung nur recht und billig. Dass dabei im Bewusstsein der Feiernden gelegentlich der ursprüngliche Charakter der Tradition in den Hintergrund tritt, mag man bedauern, dies resultiert aber wohl aus der Faszination des Unmittelbaren. Der moderne Mensch lebt im „momentanen Event“, der eine eigene Dynamik entwickelt.

Dennoch, all diese Interaktionen, insbesondere auch die noch ursprünglichen kirchlichen Traditionen, bilden nicht zuletzt „Ankerpunkte“ im jahreszeitlichen Lauf der Dinge, sie geben dem Menschen durch ihre Regelmäßigkeit Halt und vermitteln nicht zuletzt ein Gefühl von Heimat und Verwurzelung. Man lebt auf Feste zu, wenn sie bevorstehen, und zehrt davon, wenn sie vorbei sind. Diese Gliederung des Daseins sucht und braucht der Mensch. Wenn es dann noch gelingt, in der Region lebenden Mitbürgern aus fremden Kulturen unser Brauchtum näher zu bringen und dadurch ein ganz besonderes Gemeinschaftserlebnis zu schaffen, erfüllt Brauchtum seinen eigentlichen Zweck. Nur dadurch ist Folklore so bunt geworden.